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Endfassung - beschlossen in der JPA-Sitzung am 16.3.2016

Der Bildungsbeitrag der Evangelischen Jugendbildungsstätten für die Evangelischen Jugendverbände in Nordrhein-Westfalen

Das vorliegende Papier versteht sich als Ergänzung zum „Jugendpolitischen
Thesenpapier zur Rolle und Bedeutung der Jugendbildungsstätten“
des Landesjugendrings NRW. Es schließt sich den dort ausgeführten
Inhalten und Forderungen an.

1. Grundlagen und Reichweite

Evangelische Jugendbildungsstätten in NRW leisten seit den Anfängen
der Bundesrepublik einen maßgeblichen Beitrag zur außerschulischen
Bildung. Sie sind zentrale Bildungsinstitutionen Evangelischer Jugendverbandsarbeit und haben eine lange Tradition als das Bildungsprofil der Evangelischen Jugend und Evangelischen Kirche prägende Häuser. Sie wirken konstitutiv nach innen in evangelische Jugendverbände hinein und nehmen nach außen hin öffentliche, gesellschaftliche Aufgaben war. So kommen sie dem gesellschaftlichen Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe nach, junge Menschen durch das Vorhalten von Bildungsangeboten in ihrer Entwicklung zu fördern (siehe Sozialgesetzbuchs VIII, § 11 (SGB)). Ihre Angebote gestalten evangelische Jugendbildungsstätten im  Interesse der Kinder und Jugendlichen. Als konstitutive Momente der  Identitätsbildung im Jugendalter stellen die Befähigung zur Selbstbestimmung
sowie die Ermöglichung gesellschaftlicher Mitgestaltung zentrale Anliegen der evangelischen Jugendbildungsstätten dar. Gemäß dem gesellschaftlichen
Auftrag und dem Grundgesetz (siehe Grundgesetz Artikel 4, 7, 140) arbeiten evangelische Jugendbildungsstätten in NRW nach den Prinzipen Pluralität, Autonomie, Werteorientierung, Medienvielfalt, -offenheit und Freiwilligkeit (siehe Ausführungsgesetzes zum Kinder-und Jugendhilfegesetz, Kinder-und Jugendförderplan (2) § 10.3 (AG-KJHG, KJFöG)) mit den Zielen, mündiges Leben sowie gesellschaftliche Partizipation zu fördern.
Die fünf Evangelischen Jugendbildungsstätten in NRW halten jährlich
ca. 700 Bildungsangebote vor und erreichen landesweit mehr als
28.000 Jugendliche und junge Erwachsene bei insgesamt ca. 75.500
Teilnehmendentagen.

2. Evangelische Jugendbildungsstätten als konstitutives Element Evangelischer Jugendarbeit

Neben den vielfältigen Engagements der evangelischen Jugendarbeit
in Gemeinden, Werken und Verbänden nehmen evangelische Jugend-
bildungsstätten jugendrelevante, verbandbezogene und jugendpolitische
Themen auf, um sie exemplarisch umzusetzen.
In der Evangelischen Jugend übernehmen sie Nachwuchsförderung
und verbandsbezogene Qualifizierung von Mitarbeitenden vor allem
dort, wo dies auf Gemeinde- und Kirchenkreisebene nicht zur Verfügung
gestellt werden kann. Damit leisten evangelische Bildungsstätten
elementare Aufbauarbeit bei der Selbstorganisation der Jugendverbände
und tragen mit einem eigenständigen Beitrag zum Fortbestand
und zur Weiterentwicklung der evangelischen Jugendverbände
bei. Aufgrund struktureller, personeller sowie raum-zeitlicher Bedingungen
bieten evangelische Jugendbildungsstätten jungen Menschen
einmalige Bildungsorte in der evangelischen Jugendarbeit. Durch Seminarformate
mit Übernachtung und Gästebetrieb werden besondere
Auseinandersetzungsplattformen für nachhaltige, biografische, gesellschaftliche,
werteorientierte und jugendverbandsrelevante Fragestellungen
angeboten.
Die Bildungsangebote der evangelischen Jugendbildungsstätten verpflichten
Jugendliche nicht. Sie setzen auf Freiwilligkeit. Aufgrund
dieser Prämisse nehmen junge Menschen Seminarveranstaltungen in
ihrer Freizeit selbstbestimmt als Freizeitangebot wahr. Dies macht
den Reiz und die Attraktivität der seminaristischen Struktur der evangelischen
Jugendbildungsstätten aus.
In einem ansprechenden Freizeitumfeld werden Jugendlichen Themen
geboten, die eine Verknüpfung mit eigenen Lebens- und Lernerfahrungen
ermöglichen. Evangelische Jugendbildungsstätten sind somit
besondere Orte der Auseinandersetzungen „mit Gott und der Welt“.

3. Menschenbild und Weltbezug im Bildungsverständnis Evangelischer Jugendbildungsstätten

Das Menschenbild basiert auf der theologischen Bezugsgröße der Gottesebenbildlichkeit
des Menschen (Genesis 1,28). Dieses korrespondiert
mit dem Gedanken der Menschenwürde und findet seinen Niederschlag
in den UN-Kinderrechten. Der Mensch wird als ein entwicklungsoffenes,
lernendes Wesen verstanden. Die Entwicklung des jungen
Menschen findet in der Auseinandersetzung und in der Wechselwirkung
mit der Umwelt statt. Der Weltbezug umfasst im Großen die
globalisierte Welt sowie im Nahbereich den Sozialraum mit seinen
lokalen Bezügen. Jugendbildungsstätten greifen die Frage der Verantwortung
für die Eine Welt auf und nehmen sie in den Auseinandersetzungsprozess
mit hinein. Dies geschieht durch entwicklungspolitisches,
interkulturelles und interreligiöses Lernen; ebenso beim inklusiven
Lernen, indem Diversity auf gesellschaftliche Teilhabe hin reflektiert
wird. Dabei stellen theologischen Bezugsgrößen auf vielfältige
Weisen Grundlagen des pädagogischen Handelns in Evangelischen
Jugendbildungsstätten dar. Biblische Perspektiven, beispielsweise die
der Menschenwürde (Genesis 1 und 2), Gottes Zusage der Begleitung
(Exodus 20,1) sowie die der Solidarität und des Friedensgebotes der
Bergpredigt (Matthäus 5,3 ff.) sind Ausgangspunkte der Bildungsangebote.
Das Bildungsverständnis Evangelischer Jugendbildungsstätten
umfasst das zentrale Anliegen der Reformation, sich eigenständig,
ohne Rückgriff auf äußere Autoritäten, mit Gott und der Welt auseinanderzusetzen.

4. Evangelische Jugendbildungsstätten als Lernort für Schulen

Evangelische Jugendbildungsstätten stellen einerseits eine notwendige
Ergänzung zum schulischen Lernen dar, andererseits positionieren
sie sich zum Lebensraum Schule. Dabei arbeiten sie direkt mit diesen
zusammen.
Schulbezogene Tagungen und Seminare der Evangelischen Jugendbildungsstätten
sind Experimentierfelder, aneignungstaugliche Freiräume
für Schüler_innen. Hier hat Bildung Raum und Zeit für eine
zweckfreie Begegnung, intensives Einlassen auf eine Selbstreflexion
sowie auf eine Auseinandersetzung mit der Gruppe über mehrere Tage
hinweg. Diese Bildungsangebote sind essentiell, um Lernen nicht
auf Wissensakkumulation zu reduzieren.
Die Kooperationen der evangelischen Jugendbildungsstätten mit
Schulen stellen einen Beitrag jugendverbandlichen Wirkens der Evangelischen
Jugend im gesellschaftlichen öffentlichen Raum dar. Auf
Augenhöhe mit der Institution Schule leisten evangelische Jugendbildungsstätten
mit ihrem fachlich-didaktischen Repertoire einen eigenständigen
pädagogischen Beitrag, der schulische und außerschulische
Bildung verbindet und weiterentwickelt.

5. Kennzeichen evangelischer Jugendbildungsstätten in NRW

Für die Bildungsarbeit werden in den evangelischen Jugendbildungsstätten
personelle Kapazitäten und Ausstattungsressourcen vorgehalten
und durch den Kinder- und Jugendplan NRW gefördert.
Gemeinsam gewährleisten sie folgende Aspekte:

  • lebensweltorientierte Bildungsprozesse im Seminarbetrieb
  • die Initiierung modellhafter Lernprozesse
  • professionell ausgebildete pädagogisch-theologische Mitarbeitende
  • Örtlichkeiten, die speziell auf die Bedürfnisse junger Menschen
    ausgerichtet sind: lernfreundliche Atmosphäre, belastbares
    Mobiliar, Mehrbettzimmer, Spiel-, Sport- und Freizeitmöglichkeiten,
    jugendgemäße Andachts- und Meditationsräume
  • Personal in Verwaltung, Haustechnik und Hauswirtschaft, das
    in der Lage ist, mit jungen Menschen adäquat umzugehen, um
    ihre Bedürfnisse aufzunehmen
  • eine Küche, die junge Menschen zu einer bewussten, gesunden
    Ernährung anregen kann
  • die Erfahrbarkeit nachhaltigen und ökologischen Wirtschaftens
  • eine pädagogische Ausstattung, die den Erfordernissen einer
    zeitgemäßen Bildungsarbeit entspricht
  • ein Ort der unterschiedlichsten Begegnung, an dem sich Menschen
    und Gruppen auf vielfältiger Art treffen und in Beziehung
    kommen
  • ein Ort an dem Jugendliche selbst die Möglichkeiten der Mitsprache
    und Mitbestimmung in der pädagogischen und institutionellen
    Entwicklung der Bildungseinrichtung haben
  • ein bildungspolitisches Selbstverständnis.

Schwerpunktsetzung (Aufzählung in alphabetischer Reihenfolge) der
einzelnen evangelischen Jugendbildungsstätten:

Ev. Jugendbildungsstätte „Kurt-Gerstein-Haus“ Hagen Berchum:

Ein Schwerpunkt ist die Fortbildung und Qualifizierung von Ehrenamtlichen
in der Kinder- und Jugendarbeit; ein zweiter die Zusammenarbeit
mit Schulen (Lehrer_innen und Schüler_innen); ein dritter die
Arbeit mit Jugendlichen mit migrantischem Hintergrund.
Folgende Themen in der Seminararbeit werden angeboten:

  • Antigewalttraining
  • Arbeit mit Kindern
  • Friedensbildung
  • Fortbildungen für Schüler_innenvertretungen
  • Freizeit-, Spiel-, Theater- und Musikpädagogik
  • Gedenkstättenfahrten
  • Genderthemen
  • Internationale Begegnungen
  • Interreligiöser Dialog
  • Juleica Kurse
  • Musikangebote
  • Medienbildung

Ev. Jugendbildungsstätte Nordwalde:

Bildungsschwerpunkte sind die Jugend- und generationenübergreifende
Bildung. Inhalt- und Querschnittsaufgabe in allen Angeboten ist
das Thema Inklusion. In konkreten Angeboten heißt das:

  • Ausbildung von jungen Menschen mit Behinderungen zu
    Co-Mitarbeitenden
  • Fortbildung für pädagogische Fachkräfte in der Arbeit mit
    Kindern
  • Inklusive Seminare für junge Menschen mit und ohne
    Behinderung
  • Kooperationsseminare mit allen weiterführenden Schultypen
    (ab Klasse 7)
  • Medienpädagogik (Schwerpunkt Digitalfotografie)
  • Persönlichkeitsbildung zu individuellen, religiösen und gesellschaftlichen
    relevanten Themen von jungen Menschen
  • Reisen für junge Menschen mit Behinderungen
  • Seminare zu Nahrung, Ernährung und Umwelt

Ev. Jugendbildungsstätte Hackhauser Hof e.V. Solingen:

Hauptaufgabe ist die Fortbildung und Qualifizierung von Ehrenamtlichen
und Hauptberuflichen in der Kinder- und Jugendarbeit. Dabei
werden folgende Schwerpunkte in der Seminararbeit angeboten:

  • Arbeit mit Kindern
  • Freizeit-, Spiel- und Theaterpädagogik
  • Friedensbildung
  • Inklusion
  • Jugendtheologie und Religionspädagogik
  • Juleica Ausbildung
  • Rassismuskritische Bildung und Diversity Lernen
  • Sexualpädagogik und Genderfragen

Ev. Jugendbildungsstätte Tecklenburg:

Die Schulung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Kinderund
Jugendarbeit ist seit je her Kernkompetenz und wichtige Aufgabe
der Jugendbildungsstätte. Des Weiteren hält die Jugendbildungsstätte
Angebote für Schülerinnen und Schüler vor und ist Zentrum für Medienkompetenz.
Folgende Themen in der Seminararbeit werden angeboten:

  • Abenteuer- und Erlebnispädagogik - Gemeinsam erleben macht
    stark
  • Förderung der sozialen Kompetenz, Stärkung der Gemeinschaft
  • Lebens- und Berufsweltorientierung
  • Medienkompetenz
  • Prävention im Sucht- und Gewaltbereich,
  • Tage zur religiösen Orientierung

CVJM Bildungsstätte Bundeshöhe Wuppertal:

Der Schwerpunkt der Bildungsangebote liegt im Bereich der Verbandsarbeit
des CVJM. Hierzu gehören insbesondere:

  • Aus-, Fort- und Weiterbildung von ehrenamtlich Mitarbeitenden
    in der verbandlichen Kinder- und Jugendarbeit, insbesondere:
    • JuLeiCa-Ausbildung
    • Spielpädagogik
    • Fortbildungen zu individuellen gesellschaftlich und werteorientiert
  • relevanten Themen von Jugendlichen
  • Musikalische Lehrgänge im Bereich Blechblasinstrumente für
    Anfänger, Fortgeschrittene und Chorleitung (Posaunenchöre)
  • Sportlehrgänge unterschiedlicher Sportarten
  • Übungsleiterausbildung (C-Lizenz)

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